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KI-Nutzung im Notariat 2026: Reifegrad, Tools und Verantwortung

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Vielleicht wird die Zukunft des Notariats nicht damit entschieden, ob künstliche Intelligenz Urkunden schneller vorbereitet, Akten besser durchsucht oder Mandantenfragen präziser beantwortet. Vielleicht entscheidet sie sich damit, ob der Mensch nicht nur kontrolliert, sondern Verantwortung übernimmt.

Genau hier liegt der Unterschied zwischen produktiver Digitalisierung und Selbstaufgabe als Amtsträger. Dann könnte mit der KI nicht der Notar sterben. Dann stirbt die Funktion des Notars.

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Die juristische Welt hat den ersten Reflex hinter sich. KI wird nicht mehr belächelt oder in Innovationsrunden diskutiert. Sie wird genutzt. In Kanzleien, Rechtsabteilungen und zunehmend auch im Notariat.

Internationale Thomson-Reuters-Erhebungen zeigen die Dynamik: 2023 war generative KI in Kanzleien noch ein Randphänomen. Lediglich 3 Prozent der Befragten in mittleren und großen Kanzleien in den USA, UK und Kanada berichteten von einer aktiven Nutzung für Kanzleiabläufe. Im „2026 AI in Professional Services Report“ berichten demgegenüber 57 Prozent der Befragten GenAI-Tools wie ChatGPT zu nutzen. Die Zahlen sind auf Deutschland nicht einfach übertragbar, aber ein belastbarer Indikator für die Entwicklung im Rechtsmarkt.

Viele Anwendungen bleiben indes assistierend. Texte werden entworfen, E-Mails vorformuliert, längere Dokumente zusammengefasst, Übersetzungen verbessert, Besprechungen transkribiert. Der Mensch prüft, korrigiert, verwirft oder übernimmt. Das ist im juristischen Kontext zunächst kein Mangel.

Interessant wird es dort, wo KI nicht mehr nur punktuell unterstützt, sondern in Prozesse eingebettet wird. Genau an dieser Schwelle stehen viele Kanzleien heute. Die Tools sind verfügbar. Die produktiven Anwendungsfälle sind sichtbar. Was häufig noch fehlt, ist eine belastbare organisatorische Architektur.

Im Notariat ist das besonders relevant, weil die notarielle Arbeit nicht bloß Wissensarbeit ist. Sie ist vorsorgende Rechtspflege. Sie verlangt Neutralität, Belehrung, Dokumentation und absolute Verlässlichkeit. KI kann diese Arbeit vorbereiten. Sie kann sie nicht substituieren.

Das Potenzial ist größer als die aktuelle Nutzung

Gerade im Recht ist die Lücke zwischen abstraktem Potenzial und konkreter Nutzung auffällig. Nach einer Auswertung von Anthropic lassen sich 58 Prozent der juristischen Aufgaben theoretisch durch KI unterstützen. Tatsächlich genutzt wird KI im Rechtsbereich aber erst in 15 Prozent der Aufgaben.

Diese Differenz erklärt den Druck, den viele Kanzleien spüren. Sie rechtfertigt aber keine überstürzte Einführung. Sie zeigt vielmehr, wie groß der Gestaltungsraum noch ist.

Nicht alles, was technisch unterstützbar ist, sollte organisatorisch gleich behandelt werden. Die Zusammenfassung eines internen Meetings, die sprachliche Überarbeitung eines Mandantenschreibens und die Vorbereitung einer gesellschaftsrechtlichen Urkunde liegen nicht auf derselben Risikostufe. Wer KI einführt, sollte differenzieren.

Der eigentliche Reifegrad zeigt sich nicht am Tool, sondern am Prozess

Die Versuchung ist groß, KI über Produktnamen zu denken. Nutzt das Notariat bereits Microsoft Copilot? Nutzen Mandanten die Formulare von NotarNow? Ist Harvey im Einsatz? Gibt es Perplexity oder Claude? Das sind legitime Fragen. Aber sie sind nicht die entscheidenden.

Ein Notariat kann mehrere moderne Tools einsetzen und trotzdem unzureichend digitalisiert sein. Umgekehrt kann eine Organisation mit wenigen, sauber eingebetteten Anwendungen einen höheren Reifegrad erreichen, wenn Zuständigkeiten, Datenflüsse, Prüfpflichten und Eskalationen geklärt sind.

Der Unterschied zwischen punktueller KI-Nutzung und echter Transformation lässt sich auch ökonomisch fassen. Assistierende Modelle, bei denen KI Entwürfe erstellt und Menschen jeden Output prüfen, erreichen bereits messbare Produktivitätseffekte. Studien des Stanford Digital Economy Lab weisen für solche Modelle eine mediane Produktivitätssteigerung von rund 22 Prozent aus. Genehmigungsmodelle, bei denen KI Aufgaben vorbereitet und Menschen definierte Freigaben erteilen, liegen bei rund 30 Prozent. Die größten Effekte entstehen dort, wo KI in klar modellierten Prozessen autonom arbeitet und nur bei Abweichungen eskaliert; hier werden Produktivitätseffekte von rund 71 Prozent genannt.

Gerade diese Zahlen sind für Notariate ambivalent. Sie zeigen das enorme Potenzial. Sie zeigen aber auch, wo die gefährliche Schwelle liegt. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Befund, dass 77 Prozent der Implementierungskosten nicht technisch, sondern organisatorisch verursacht werden: durch Prozessumbau, Governance, Schulung, Akzeptanz und Verantwortungsarchitektur.  

Für Notarinnen und Notare ist diese Governance keine Bürokratie. Sie ist die Bedingung dafür, dass Produktivität nicht auf Kosten der Vertrauensfunktion entsteht. Der Reifegrad beginnt dort, wo KI nicht mehr als Spielzeug einzelner technikaffiner Personen genutzt wird, sondern als definierter Bestandteil eines Arbeitsprozesses. 

Welche Daten dürfen eingegeben werden? Welche Ergebnisse müssen zwingend geprüft werden? Welche Vorgänge bleiben ausgeschlossen? Wer dokumentiert die Nutzung? Wann ist eine menschliche Entscheidung erforderlich? Und wer trägt die Verantwortung, wenn ein KI-Ergebnis plausibel, aber falsch ist?

Wo KI heute sinnvoll eingesetzt werden kann

Die stärksten Potenziale liegen derzeit nicht in der vollautomatischen Erstellung komplexer Urkunden. Sie liegen in den vielen vorbereitenden, strukturierenden und wiederkehrenden Tätigkeiten, die den Alltag im Notariat prägen.

Eine Untersuchung des Bucerius Legal Innovation Hub zeigt, dass die reiferen Anwendungsfelder von Legal-KI vor allem dort liegen, wo KI Vorarbeit leistet: Übersetzung, juristische Recherche, Dokumentenerstellung, Wissensmanagement, Datenextraktion und Vertragsprüfung werden deutlich häufiger genutzt und positiver bewertet als etwa Prognosen gerichtlicher Entscheidungen, Online-Streitbeilegung, Mandanten-Self-Service oder originäre Rechtsdienstleistungen.  

Microsoft Copilot kann in Outlook, Word und Teams helfen, E-Mail-Verläufe zu verdichten, Besprechungen zusammenzufassen oder erste Textfassungen zu strukturieren. Das ist kein Ersatz für rechtliche Prüfung, aber ein relevanter Produktivitätsgewinn in der täglichen Kommunikation. Gerade dort, wo Mitarbeitende viele Rückfragen, Terminabstimmungen und interne Übergaben koordinieren, kann KI spürbar entlasten.

Ein besonders notariatsspezifisches Beispiel ist KI:RSTEN von NotarNow. Der Unterschied zu allgemeinen Sprachmodellen liegt darin, dass die Anwendung nicht nur formuliert oder frei assoziiert, sondern auf kuratierte notarielle Fachinhalte zugreift. NotarNow verweist unter anderem auf die Partnerschaft mit dem Deutschen Notarverlag, den Zugriff auf Inhalte aus mehr als 100 Fachbüchern sowie auf Ausgaben der Zeitschrift notar. Zudem soll ein spezialisiertes Kostenrechtsmodul Kostenauskünfte unterstützen. Damit verschiebt sich der KI-Einsatz vom allgemeinen „Prompten“ hin zu einer fachlich eingebetteten Assistenz: Recherche, Fundstellenarbeit, Kostenrecht, erste Einordnung.

Noch einen Schritt näher an einen End-to-End-Prozess rückt LawX, das sich selbst als KI-gestütztes Betriebssystem für Notariate positioniert. Interessant ist daran weniger das Schlagwort KI als die Prozesslogik: Datenerfassung, Urkundenvorbereitung, Vollzug, Abrechnung und Aktenführung werden nicht als getrennte Inseln gedacht, sondern als zusammenhängender Vorgang. Genau hier liegt für Notariate ein wesentlicher Reifegrad: KI und Automatisierung entfalten ihren Wert nicht isoliert in einem Textfenster, sondern dort, wo sie Vorgangsdaten, Vorlagen, Vollzugsstände und Folgeprozesse sinnvoll verbinden. 

In diese Logik passt auch die Integration von KanzleiBanking. Die Eröffnung und Verwaltung von Notaranderkonten kann direkt aus dem Vorgang heraus initiiert werden. Mandantengelder können über eine sofort verfügbare IBAN empfangen, relevante Transaktionen in die digitale Nebenakte übernommen und über die XNP-Schnittstelle in das Verwahrungsverzeichnis überführt werden.

Das ist kein spektakulärer KI-Use-Case im engeren Sinn, aber ein sehr konkretes Beispiel dafür, worum es bei Digitalisierung und Automatisierung im Notariat gehen sollte: weniger Medienbruch, weniger manuelle Übertragung, mehr Verlässlichkeit im Prozess.

Vom Werkzeug zum Betriebssystem

Die Entwicklung verläuft absehbar in Schichten. Am Anfang stehen allgemeine Grundmodelle wie OpenAI, Anthropic oder Google. Sie schaffen die Basisfähigkeit: Sprache verstehen, Texte erzeugen, Inhalte strukturieren, suchen, vergleichen, schlussfolgern.

Darüber entstehen Workflow-Anwendungen, die diese Grundfähigkeit in konkrete juristische Arbeitsabläufe übersetzen. Dazu zählen etwa Recherche-Copiloten, Vertragsprüfungswerkzeuge, Dokumentenanalyse und Due-Diligence-Systeme.

Noch weitergehend wird KI mit proprietärem Kanzleiwissen, strukturierten Daten und dauerhaftem Mandatskontext verbunden.

Aus einzelnen Tools wird dann schrittweise ein Betriebssystem der Kanzlei. Genau diese Verschiebung ist für den Rechtsmarkt besonders bedeutsam: Der Wert liegt nicht mehr allein im Modell, sondern in der Verbindung von Modell, Kontext, Daten und Prozess.  

Ein Beispiel: Zur Eröffnung eines Notaranderkontos können ein Datensatz aus der Kanzleisoftware oder aus dem Urkundenverzeichnis abgerufen, die Angaben zur Art der Transaktion, den Treugebern und den wirtschaftlich Berechtigten maschinell ausgelesen und das Konto bei der Bank automatisiert eröffnet werden.

Für Notariate liegt hier ein enormes Potenzial, aber auch die entscheidende Risikozone. Denn je stärker KI mit Vorgangsdaten, Vorlagen, Registerinformationen, Vollzugsständen und Mandantenkommunikation verbunden wird, desto höher werden die Anforderungen an Datenhoheit, Rechtekonzepte und Nachvollziehbarkeit.

Der nächste Reifegrad wird daher nicht darin bestehen, dass jedes Notariat möglichst viele einzelne KI-Tools nutzt. Er wird darin bestehen, dass das Notariat eine kontrollierte digitale Arbeitsumgebung schafft, in der KI an definierten Stellen Wert erzeugt, ohne die Verantwortungsordnung zu verschieben.

Der eigentliche Wert der gewonnenen Zeit

Der ökonomische Effekt von KI ist real. Das zeigen erste Erhebungen aus Großkanzleien. Nach Angaben von Legal Futures und LeanLaw gewinnen Anwältinnen und Anwälte durch generative KI im Schnitt 4,3 Stunden pro Woche zurück. Besonders profitieren mittlere Karrierestufen. Die frei werdende Zeit fließt nicht nur in schnellere Bearbeitung, sondern in anspruchsvollere Analyse, intensivere Mandantenarbeit und zusätzliche wertschöpfende Tätigkeiten.

Erfahrungswerte aus Legal-AI-Einführungen deuten darauf hin, dass die Effekte nicht nur in Kostensenkung liegen. Bei einer Harvey-Einführung nannten Befragte unter anderem weniger nicht abrechenbare Arbeit, höhere Arbeitszufriedenheit und bessere Mandantenbeziehungen als relevante Effekte. Addiert man volle Zustimmung und Zustimmung, lagen die Werte bei 77 Prozent für weniger nicht abrechenbare Arbeit, 76 Prozent für höhere Arbeitszufriedenheit und 87 Prozent für bessere Mandantenbeziehungen.

Für Notarinnen und Notare sind diese Befunde nicht eins zu eins übertragbar. Aber sie zeigen die Richtung. Der eigentliche Gewinn liegt darin, Zeit für jene Tätigkeiten zurückzugewinnen, die Verantwortung im Kern sind: Prüfung, Belehrung, Einordnung, Gespräch.

Die notarielle Letztentscheidung ist kein antiquierter Reflex

Schon etwa fünf Jahre ist es her, dass Ferdinand von Schirach mit „Jeder Mensch“ einen Impuls zur Erweiterung der europäischen Grundrechte setzte. Einer der zentralen Gedanken war, dass Menschen in einer digitalisierten Welt nicht bloß Objekt algorithmischer Systeme werden dürfen. Technologische Entwicklung soll nicht dazu führen, dass Entscheidungen über Menschen unsichtbar, unverständlich oder nicht mehr verantwortbar getroffen werden.

Dieser Gedanke scheint rasant an Bedeutung zu gewinnen und für das Notariat elementar zu sein.

Notarinnen und Notare sind gerade institutionalisierte Verantwortung. Beteiligte sollen nicht allein einem Formular, einer Plattform oder einer automatisierten Entscheidung gegenüberstehen. Sie sollen einen Amtsträger vor sich haben, der neutral ist, aufklärt, prüft, fragt, zweifelt – und am Ende Verantwortung übernimmt.

Es wäre zu einfach, die menschliche Letztentscheidung als konservative Abwehrformel zu verstehen. Nach dem Motto: KI darf helfen, aber am Ende schaut der Notar noch einmal darüber. Denn genau das reicht nicht.

Die Grenze der KI liegt nicht dort, wo ein System technisch versagt. Sie liegt dort, wo Verantwortung diffus wird. Wenn niemand mehr genau sagen kann, warum ein Vorgang so vorbereitet, ein Risiko so bewertet oder eine Formulierung so gewählt wurde, ist nicht nur ein Tool schlecht eingesetzt. Dann wird die Funktion des Notars in Frage gestellt.

Für das Notariat folgt daraus: Je näher ein KI-System an rechtliche Bewertung, Belehrung, Interessenausgleich oder Gestaltung heranrückt, desto höher müssen Transparenz und menschliche Kontrolle sein.

Was ein sinnvoller nächster Schritt sein kann

Für viele Notariate dürfte der kluge Einstieg nicht im großen KI-Transformationsprogramm liegen, sondern in bewusst begrenzten Anwendungsfeldern.

Ein guter Startpunkt ist internes Wissensmanagement: Vorlagen, Arbeitshilfen, Checklisten und typische Fallkonstellationen so strukturieren, dass Mitarbeitende schneller auf gesichertes Kanzleiwissen zugreifen können. KI kann hier eine Such- und Strukturierungsschicht bilden, aber nur auf einer kuratierten Grundlage.

Ein zweiter sinnvoller Bereich ist Kommunikation: Entwürfe für interne E-Mails, Zusammenfassungen von Besprechungen, verständlichere Mandanteninformationen, Terminvorbereitung. Hier ist der Nutzen hoch, während die Letztentscheidung nicht automatisiert wird.

Ein dritter Bereich ist die Vorgangsvorbereitung: Daten aus Unterlagen extrahieren, fehlende Informationen sichtbar machen, Vollzugsstände strukturieren, einfache Plausibilitäten prüfen. Gerade hier kann KI dem Notariat Zeit zurückgeben, ohne dessen Kernfunktion zu verdrängen. Im Gegenteil: Sie kann die Kernfunktion stärken.

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